Dorpat (Tartu), September 1775
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Dorothea Lenz
Jakob Michael Reinhold Lenz (Straßburg)
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Mein allerliebster Jac
 
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Wie vergeblig habe ich nun so viele Jahre, auff Deine zu Hause Kunfft gewartet, wie offt habe ich nicht
 
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msonst aus dem Fenster, gesehn, wenn nur ein Fragtwagen ankam, ob ich Dich nicht erblickte allein vergebens. Wie manche Tränen und
Zeu
Seufzer, habe ich nicht zu Gott ge
 
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ickt, das er Dich führen und leiten mögte,
Ach wenn ich Dich auch noch einmahl sehen könte, vor meinem Ende, und Dich segnen, ehedenn ich sterbe, so wolte ist zufrieden sein. Wie lange wiltu so herum irren, und Dich in solche nichtswürdige, Dinge vertiffen ach nimm es doch zu Herten was Dein Vater Dir scheibt, es ist ja die Wahrheit, nimm es nur Zu Hertzen, und dencke nach, was wil aus Dir werden? ich billige alles was Pap. geschrieben hat.
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Melde mir auch, ob Du jetzo gantz gesundt bist mit Deinen Halse und Zähnen, ich bin Deinentwegen sehr besorgt gewesen,
Pastor
Oldecob
und seine Frau laßen Dich hertzlig, grüßen, sie wohnen jetzt im Garten Hauß, weil sie
ganz
abgebrannt sind und alles verlohren haben die Häuser auff dem Margt sind alle abgebrant, wie auch das Rathaus, und Löwensterns Haus, die Russische Buden und straffhalter, nebst der großen Brücke sind alle abgebrant. es ist alles wüste Die Frau Oberst Albedill, ist noch in Curland, sie hat ihre älste Freilen Tochter, als Hoff Freilein bei der Alten Herzogin, hingebracht, wir warten sie täglig zurück.
Ubrigens Grüße und Küße ich Dich Zährtlig mein liebes Kind.
Gott segne Dich und leite Dich auff seinen wegen, verbleibe
Deine zärtliche Mutter
Dorothea Lenz
Provenienz
Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 32, Nr. 32.