Hannover, 22. März 1776
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Heinrich Christian Boie
Jakob Michael Reinhold Lenz (Straßburg)
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Hannover, den 22.ten März. 1776.


Ich freue mich nicht wenig, daß Sie mit der Art zufrieden sind, wie ichs gemacht habe. Auch Ihr Mspt habe ich wieder, ich will’s aber nicht so auf die Post geben, um Ihnen nicht unnöthige Kosten zu machen; es liegt versiegelt da; so bald Sie mir schreiben, liegts im Feuer. Ich schicke Ihnen das Exemplar der Wolken, das ich habe, und die Vertheidigung noch unkorrigiert, wie er sie mir geschickt. Auch die hat wieder umgedruckt werden müßen, wie Sie aus seinem lezten Briefe sehen werden, den ich der Seltenheit halber beylege, und mir wieder ausbitte, weil er bey den Akten bleiben muß. Sie sehen, daß er Göthen noch immer für den Verf. der W. hält. Vor der Meße muß ich ihm seinen Irrthum benehmen. Aber, wie kann ich, ohne Sie zu verrathen? Daß Hr Zimmermann den Abdruck der W. gesehen, werden Sie nun auch aus seinem Briefe wißen, und können nichts dawider haben, eben so wenig, als Sie’s ihm verdenken werden, daß er mir die Soldaten gezeigt. Er sowohl, als ich, wollen, wenn sie erst ins Publikum kommen, gern den Holländer Steenkerk für den Verf. ausgeben. Aber wer wird’s glauben? Lenz ist in jeder Scene kennbar. Das Stück hat mir sehr viele Freude gemacht. Es ist ganz Natur, Wärme und Leben von Anfang bis zu Ende, und – bis zu den Fingerspizen hervor. Ein paar Scenen sind mir nur zu sehr Soldatennatur. Ich – Sie werden mich auslachen – meyne nämlich, die Farben seyn hie und da zu stark aufgetragen, und man könne nun keinem Mädchen das Stück vorlesen, oder
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sie’s lesen laßen. – So weit hatt ich geschrieben, als ich Ihren Brief vom 11.ten Merz erhalte. Lieber Freund, was Sie verlangen, ist, wahrlich! nicht möglich. Helw. hat vielleicht izt schon einen Theil des Mspts abgedruckt. Wird ers wieder hergeben? Die abgedruckten Bogen in Makulatur werfen? Und bey Reichen erhalten Sie nicht ’mal ihre Absicht, wie Ihnen schon unser Zimmermann wird geschrieben haben. Auch ökonomisch betrachtet ist es beßer, daß H. das Stück behalte. Hören Sie. 30 Rthl. verlangt er für seinen Schaden, wenn die W. nicht ins Publikum sollen. 15 Duk. die Sie von R. bekommen, machen 40 Rthl. 10 Thl. bekämen Sie also heraus. Hier bekommen Sie noch 1 Duk. für den Bogen, und ich hoffe, es sollen 7 bis 8 werden, da das Stück weitläuftiger u. beßer gedruckt, als der hier übersandte Probeabdruck der W. Ich gerieth nur an Helw., mit dem ich sonst wenig bekannt war, weil ich dachte, es wäre beßer, daß die W. in einem Winkel gedruckt würden. Eine Vignette hätt auch Reich zur Meße wohl nicht fertig geschafft, wenigstens keine gute. … Könnt ich Ihnen sonst nüzlich seyn zu Verbeßerung Ihrer Lage, mein liebster Lenz! Der Himmel weiß, wie warm, wie ganz ich diesen Wunsch thue. Wo Sie mich brauchen können, sagen Sie mirs ohne Rückhalt, ohne Besorgniß, wie Sie in dem lezten Briefe äußern, mir beschwerlich zu fallen, und was ich kann, geschieht gewiß. – Sobald Abdrücke der Vertheidigung fertig sind, schick’ ich sie Ihnen. Helw. schrieb ich, eben so geschwind zwey Exempl. an Wieland zu senden. Vielleicht kostet das, was ich izt schicke, Ihnen zu viel Postgeld für was es ist, aber Sie wollen, und ich gehorche.

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Ich befinde mich in meiner neuen Lage hier ganz wohl, habe viele Bekannte, und schon einige Freunde, und hoffe, es soll mir immer beßer werden. Zimmermann ist ein vortreflicher Mann, mit dem ich immer mehr zusammenstimme, je länger ich ihn kenne. O wären Sie, wenigstens auf eine Zeit auch in unserm Zirkel! Er sollt Ihnen schon gefallen. Erst izt habe ich den Brief des Prinzen Tandi gelesen, und mit wie viel Vergnügen! Er wird so einzeln nicht genug bekannt. Warum war noch kein Museum, da er herauskam? An Ihren Freund Schloßer hab ich noch nicht schreiben können, weil Weygand mir noch kein Geld geschickt hat. Machen Sie doch bey dem würdigen Mann, daß er mir zuweilen noch was schickt. Ich, wenn ich ihm schreibe, kann nur danken; wie dürft’ ich mehr bitten? Aber, im Ernst, wenn Sie jezt ein Packet für mich zusammen hätten, thäten Sie mir einen Gefallen, wenn Sie’s bald schickten. An statistischen, historischen, philosophischen Aufsäzen fehlts nicht, aber für Unterhaltung hab ich noch wenig. Unsre Göttingischen Philosophen schreiben so wenig fürs allgemeine Publikum. … Von Bürgern indeß sollen Sie bald was Prosaisches lesen, das Ihnen Freude machen wird. Sie wißen vielleicht noch nicht, daß man in Weymar für seinen Homer eine Subscription von 65
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zusammengebracht, die zahlbar ist, so bald er ankündigt, daß er vollenden will. Der Herzog steht oben an mit 20. Göthe ist sicher der Urheber davon. Daß Herder nun auch dahin geht, wißen Sie wohl schon. Mir geht viel dadurch weg, da er mir jezt so nahe war. Claudius erwart ich nun alle Tage auf seiner Durchreise nach Darmstadt. Haben Sie für Voßens Alm. nicht einige kleine Beyträge? Sie erweisen mir eine Freundschaft, wenn Sie ihm welche geben.

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Göthe las mir in Frankf. vor zwey Jahren Verse an Ihren Badewirth vor, die mir sehr gefielen, und die Sie mir schicken müßen, wenn Sie sie noch haben. … Bald hätt ich vergeßen Ihnen für Ihren Petrarch zu danken. Ich habe mich sehr daran ergözt, ob ich gleich das Ganze nicht faße, vielleicht weil es zu unvollendet ist. Von Litteratur weiß ich eben nicht viel neues. Einer meiner Freunde läßt ein Trauerspiel Julius von Tarent, das noch Einen Deutschen mehr ankündigt, der der Nation Ehre macht. Eben da ich weiter schreiben will besucht mich Hr. Z. und zeigt mir Ihren Brief. Ich schicke diesen also auch nach Darmstadt, addreßirt an Hr. Merk, dem Sie ja recht viel Gutes von mir sagen. Z. ist verhindert heut zu antworten, weil er eine Krankenreise thun muß. Er bittet mich, Ihnen mit dem wärmsten, freundschaftlichste Gruße zu schreiben, daß er Geld u. 12 Ex. der Soldaten den 11ten März an Herdern geschickt, und ihm gestern gleich darum geschrieben, u. gebeten habe, beydes an Merk zu addreßiren. Ich bin unendlich begierig, wieder von Ihnen zu hören. Der Himmel leite Sie. Könnt ich nur was mehr als wünschen! – Ich lege 6 Duk für den Philosophen bey, will mir sie von Helw. wiedergeben laßen, u. Ihnen das übrige nachschicken, wenn es mehr betragen sollte. Ich umarme Sie. Wunderlich Zeug hab ich da durcheinander geschrieben, und hatte noch mehr – aber ich reiße mich los. Ewig der Ihrige B.
Provenienz
Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 32, Nr. 4.